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Einleitung
Ein Leitfaden zur Unterstützung eines strukturellen Vorgehens im Gesundheitsbereich
Familiäre Gewalt und ihre vielfältigen Folgen stellen ein gravierendes gesundheitliches Problem für die betroffenen Frauen und für das Gesundheitswesen dar. Untersuchungen zeigen, dass durch gezielte Behandlung der Opfer die Versorgungsqualität wesentlich gesteigert werden kann. Ein möglicher Schritt zur Verbesserung ist es, einerseits die Betroffenen, andererseits aber auch die Mitarbeiter/innen und die Verantwortlichen aus dem Gesundheitswesen dafür entsprechend zu sensibilisieren und ihnen adäquate Unterstützung zu geben. Eine individuelle und zugleich einheitliche Betreuung der Gewaltopfer soll durch die Umsetzung des österreichweit gültigen Leitfadens „Gesundheitliche Versorgung gewaltbetroffener Frauen“ erreicht werden.
Die gezielte gesundheitliche Versorgungist gerade bei sexueller oder physischer Gewalt an Frauen durch einen intimen Partner sehr relevant (vgl. Robert Koch Institut 2008). Gleichfalls können die Folgekosten dadurch bedeutend reduziert werden (vgl. Haller/Dawid 2006). Jede fünfte Frau, die eine ärztliche Praxis aufsucht, ist eine von Gewalt Betroffene, 90% der Opfer sind Frauen (vgl. Hagemann-White & Bohne 2003). Deren primäre Anlaufstelle sind sehr häufig niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, dennoch diagnostizieren diese das ursächliche Problem oft nicht (vgl. Chamberlain/Perham-Hester 2002; Coker et al. 2002; McKie et al. 2002). Zugefügte häusliche Gewalt wird nur bei jeder Zehnten richtig erkannt (vgl. Mark 2001). Der Umgang von Ärzt/inn/en gegenüber Frauen mit Gewalterfahrung ist meist wenig unterstützend (vgl. Hamberger et al. 1998). Zudem ist deren Kenntnis über Hilfs- und Unterstützungsangebote oft unzureichend.
Diese Mangelversorgung wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst: Tabuisierung von häuslicher Gewalt, Schamgefühle und Angst der Opfer, Unsicherheit der professionellen Kräfte, Fehlen einschlägiger Fort- und Weiterbildungen, geringes spezifisches Wissen und oft vieldeutige, nicht gut einordenbare Symptome bei den betroffenen Frauen (vgl. Sugg/Inui 1992; Farley/Keaney 1997; World Health Organization 2005).
Um die Qualität der Versorgungfür die Gruppe von gewaltbetroffenen Frauen zu verbessern, sind verschiedene, auch strukturelle Maßnahmen zu setzen. Es gilt ein Bewusstsein bei den Leiter/inne/n und Mitarbeiter/inne/n von Gesundheitseinrichtungen für diese Problematik zu schaffen. In den Angeboten der Fort- und Weiterbildung sind das Erkennen durch die so genannten „red flags“ (vgl. Hagemann-White/Bohne 2003), die adäquate Gesprächsführung, die Bedeutung einer nachvollziehbaren, gerichtsverwertbaren Dokumentation sowie die gesetzlichen Grundlagen verstärkt zu thematisieren. Informationen zu den vorhandenen Gewaltschutzeinrichtungen müssen ebenfalls Bestandteil von regelmäßig abzuhaltenden Schulungen im Gesundheitswesen sein. Auch strukturelle Maßnahmen wie die Etablierung von Gewaltschutzgruppen und klare Regeln für das Vorgehen fördern den Weg zu einer besseren Versorgung der von Gewalt betroffenen Frauen.
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Modellprojekte
In Niederösterreich, Wien und der Steiermark wurden Modellprojekte mit spezifischen Trainingseinheiten im Gesundheitsversorgungsbereich durchgeführt (vgl. Fröschl/Löw 1997, MA 57 – Frauenförderung 2005, Erdemgil-Brandstätter et al. 2007; Frauengesundheitszentrum). In einigen Einrichtungen sind Gewaltschutzgruppen bereits etabliert worden. Der Leitfaden für Krankenhaus und medizinische Praxis („Gesundheitliche Versorgung gewaltbetroffener Frauen“), herausgegeben vom Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend, knüpft hier an und soll weitere strukturelle Verbesserungen in der Versorgung dieser Zielgruppe sicherstellen. Die wesentlichen Akteur/inn/e/n aus ganz Österreich waren in den Entwicklungsprozess eingebunden. Der Leitfaden schlägt ein einheitliches Procedere vor und hat entsprechende Vorlagen für die ärztliche Untersuchung, Spurensicherung und für die Dokumentation entwickelt. Sinnvoll ist es, dass alle medizinischen Einrichtungen die vorgelegten Untersuchungsbögen routinemäßig einsetzen.
Um möglichst rasch eine Qualitätsverbesserung zu erzielen, war auch der Pflegefachbereich in die Entwicklung des Leitfadens involviert. Der niedergelassene ärztliche Bereich und Pflegefachpersonen im Krankenhaus sind oft für die Opfer die ersten Vertrauenspersonen. Geschultes Personal kann hier wichtige Weichen stellen und entsprechend den Prozess des Erkennens und richtigen Handelns beschleunigen. Oft hilft auch schon die Kenntnis über vorhandenes entsprechendes Material, die Bedeutung der Dokumentation und Beratungsstellen. Die Schulung von Pflegefachpersonen stärkt deren Kompetenz und hilft die Abläufe zu verbessern (vgl. Fachstelle et al. 2007).
Der Leitfadenist abzurufen unter: www.bmwfj.gv.at/publikationen oder bmwa.cms.apa.at/cms/content/attachments/3/5/8/CH0617/CMS1263827099785/gewalt_gegen_frauen.pdf
Weitere Informationen zu Gewaltschutzeinrichtungen, „Gewalt gegen Frauen und Kinder“ sowie „Opferschutzeinrichtungen“, sind unter Downloads auf http://www.aerztekammer.at/ zu finden.
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Literatur
- Chamberlain, L.; Perham-Hester, K.A. (2002): The impact of perceived barriers on primary care physicians´ screening practices for female partner abuse. In: Women & Health 35: 55-69.
- Coker, A.L.; Bethea, L.; Smith, P.H. et al. (2002): Missed opportunities: intimate partner violence in family practice settings. In: Preventive Medicine 34: 445-454.
- Erdemgil-Brandstätter, A.; Fröschl E.; Bauer, M. et al. (Hrsg.) (2007): Gewalt gegen Frauen. Schulungskonzept für die Sozialpsychiatrie. Wien.
- Fachstelle für Gleichstellung Stadt Zürich; Frauenklinik Maternité; Stadtspital Triemli Zürich; Verein Inselhof Triemli, Zürich (Hrsg.). (2007): Häusliche Gewalt erkennen und richtig reagieren. Handbuch für Medizin, Pflege und Beratung. Bern.
- Farley, M.; Keaney, J.C. (1997): Physical symptoms, somatization, and dissociation in women survivors of childhood sexual assault. In: Women & Health 25: 33-45.
- Frauengesundheitszentrum. URL: http://www.fgz.co.at/Gesundheitliche-Folgen-von-Gewalt.264.0.html. [21.05.2010].
- Fröschl, E.; Löw, S. (1997). Aktualisierungen und Ergänzungen von Erdemgil-Brandstätter A., 2008. Gegen Gewalt an Frauen. Fortbildungskonzept für medizinische Berufe, Wien.
- Haller, B.; Dawid, E. (2006): Kosten häuslicher Gewalt in Österreich, Wien. URL: http://www.ikf.ac.at/pdf/kosten.pdf. [21.05.2010].
- Hagemann-White, C.; Bohne S. (2003): Versorgungsbedarf und Anforderungen im Gesundheitswesen im Problembereich Gewalt gegen Frauen. Expertise für die Enquete-Kommission „Zukunft einer frauengerechten Gesundheitsversorgung in Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf. URL: www.bmfsfj.de/Publikationen/genderreport/01-Redaktion/PDF-Anlagen/lit-landtag.nrw.de,property=pdf,bereich=genderreport, sprache=de,rwb=true.pdf. [21.05.2010].
- Hamberger, L.K.; Ambuel, B.; Marbella, A.; Donze, J. (1998): Physician interaction with battered women. The women´s perspective. In: Archives Family Medicine 7: 575-582.
- MA 57 – Frauenförderung und Koordinierung von Frauenangelegenheiten, Fonds Soziales Wien, dieSie – Wiener Programm für Frauengesundheit (Hrsg.) (2005): Curriculum „Gewalt gegen Frauen“. Opferschutz an den Wiener Krankenanstalten. Wien.
- Mark, H. (2001): Häusliche Gewalt gegen Frauen. Ergebnisse einer Befragung niedergelassener Ärztinnen und Ärzte, Marburg.
- McKie, L.; Fennell, B.; Mildorf, J. (2002): Time to disclosure, timing disclosure: GPs´ discourses on disclosing domestic violence abuse in primary care. In: Sociology of Health & Illness 24: 327-346.
- Robert Koch Institut (Hrsg.), Autorinnen: Hornberg C., Schröttle M., Bohne S., Khelaifat N., Pauli A. (2008): Gesundheitliche Folgen von Gewalt. Berlin.
URL: www.rki.de/cln_100/nn_204544/DE/Content/GBE/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsT/gewalt,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/gewalt.pdf. [21.05.2010]. - Sugg, N.K.; Inui, T. (1992): Primary care physicians´ response to domestic violence. In: Journal of the American Medical Association 267: 3157-3160.
- World Health Organization. (2005): WHO multicountry study on women´s health and domestic violence against women: summary report on initial results on prevalence, health outcomes and women´s responses. Geneva. URL: www.who.int/gender/violence/who_multicountry_study/en/index.html. [21.05.2010].