Grundbegriffe
Literatur
- Bräutigam, C. (2003): Situationsverstehen im Pflegeprozess. In: Deutscher Verein für Pflegewissenschaft e.V. (Hg.): Pflege und Gesellschaft. Das Originäre der Pflege entdecken. Pflege beschreiben, erfassen, begrenzen. Fachtagung 2002; Mabuse Verlag, Frankfurt am Main, S. 117-146.
- Daheim, H. (1992): Zum Stand der Professionssoziologie. Rekonstruktion machttheoretischer Modelle der Profession. In: Dewe, B.; Ferchhoff, W.; Olaf-Radtke, F. (Hg.): Erziehen als Profession. Zur Logik professionellen Handelns in pädagogischen Feldern; Leske + Budrich, Opladen, 21-35.
- Freidson, E. (1979): Der Ärztestand. Berufs- und wissenschaftssoziologische Durchleuchtung einer Profession. Rohde, J.J.; Schoene, W. (Hrsg.). Enke, Stuttgart; engl. Originaltitel: Profession of Medicine (1970).
- Oevermann, U. (1997): Theoretische Skizze einer revidierten Theorie professionalisierten Handelns In: Combe, A.; Helsper, W. (Hg.): Pädagogische Professionalität; Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2. Auflage, 70-182.
- Rabe-Kleberg, U. (1997): Professionalität und Geschlechterverhältnis. Oder: Was ist „semi“ an traditionellen Frauenberufen? In: Combe, A.; Helsper, W. (Hg.): Pädagogische Professionalität; Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2. Auflage, 276-302.
- Schaeffer, D. (1992): Tightrope Walking. Handeln zwischen Pädagogik und Therapie; In: Dewe. B.; Ferchhoff, W.; Olaf-Radtke, F. (Hg.): Erziehen als Profession. Zur Logik professionellen Handelns in pädagogischen Feldern; Leske + Budrich, Opladen, 200-229.
- Schaeffer, D. (1994): Zur Professionalisierbarkeit von Public Health und Pflege; In: Schaeffer, D., Moers, M.; Rosenbrock, R. (Hg.): Public Health und Pflege. Zwei neue gesundheitswissenschaftliche Disziplinen; Ed. Sigma, Berlin, 103-126.
Professionalität ist alltägliches Handeln
Ulrich Oevermann (1997) hat ein Konzept vorgestellt, das – im Gegensatz zum klassischen Professionsbild – das Handeln der einzelnen Berufsangehörigen in den Mittelpunkt stellt. Er spricht vom „professionalisierten Handeln“.
1997: Professionalität ist Zusammenarbeit
Handeln ist nach Oevermann dann professionell, wenn die Sichtweise der Menschen mit Hilfebedarf in die Diagnose- und Therapieentscheidung einbezogen werden. Das bedeutet nicht, dass sich die Professionellen und die KlientInnen völlig gleichberechtigt gegenüberstehen, aber die Perspektive der KlientInnen bzw. PatientInnen ist unverzichtbar für eine professionelle Hilfeleistung. Kernstück von Professionalität ist die Verbindung von allgemein-fachlichem Wissen mit dem Verständnis, was ein konkretes Problem für das Leben des betroffenen Menschen bedeutet. Wer professionell handeln will, muss wissenschaftlich-rational fundiert erklären können UND sich auf die individuelle Situation und Geschichte jener Person einlassen, die Hilfe braucht (vgl. auch Schaeffer, 1994, S. 106; Bräutigam, 2003, S. 135ff).
Wissenschaft als Basis
Wissenschaftliches Wissen ermöglicht das rationale Erklären der KlientInnenprobleme und ist die Voraussetzung für die Anwendung und Weiterentwicklung wirkungsvoller Maßnahmen. Darüber hinaus dient es zum Nachweis der Plausibilität und der Wirksamkeit der professionellen Handlungen. Wissenschaftliches Wissen ist somit die Basis für die Begründung und Rechtfertigung von professionellem Handeln. Dadurch ermöglicht es auch systematische Lerneffekte und die Entwicklung von Innovationen.
Die direkte Bezugnahme auf die individuelle Fallgeschichte der KlientInnen stellt sicher, dass der wissenschaftliche Anteil von Diagnose und Therapie in individuell angemessener Form zum Tragen kommt und den Bedürfnissen der KlientInnen tatsächlich gerecht wird. Abgehobene ExpertInnenentscheidungen sollen damit vermieden werden.
Für die Diskussion um die Professionalisierung der Pflegeberufe bedeutet dies: Wer professionell sein will, muss vor allem darauf achten, wie Entscheidungen über pflegerische Maßnahmen an den PatientInnen zustande kommen. Ausbildung ist ein entscheidender Faktor, reicht aber alleine nicht für professionelles Handeln aus. Kommunikation, das Interesse an der Situation der PatientInnen, Erfahrung und fachliches Know-how müssen gleichberechtigt in der pflegerischen Praxis verankert sein. Pflegewissenschaftliche Erkenntnisse und individuelle PatientInnenorientierung dürfen nicht als Widerspruch aufgefasst werden.
Professionalität in der Pflege
In der Praxis sind es häufig die Gespräche und die Beziehungspflege, die zu kurz kommen – und doch sind es gerade diese Aspekte, die neben einer guten Ausbildung und aktuellem Fachwissen zur Professionalität beitragen. Definiert man Professionalität in dieser Weise, wird auch sichtbar worin der Nutzen einer professionalisierten Pflege für die PatientInnen liegt. Im ausgewogenen Einsatz von „Verstehen“ und „Erklären“ liegt der vielbeschworene Qualitätsgewinn durch eine professionelle Pflege.
Durch das alltägliche professionelle Handeln in diesem Sinne entstehen jene Glaubwürdigkeit und jenes Vertrauen, die letztlich den gesellschaftlichen Status einer Profession für die Pflege rechtfertigen können.