Volkshilfe Österreich präsentiert erste Umfrage zur Situation pflegender Angehöriger in der Corona-Krise

„Die Ergebnisse sind alarmierend und ein dringender Handlungsauftrag an die Regierung. Wenn wir keinen Kollaps der häuslichen Pflege und Betreuung erleben wollen, muss die Regierung rasch Entlastung schaffen – gerade im Hinblick auf den Herbst“, stellt der Präsident der Volkshilfe Österreich Ewald Sacher fest. 

Wien (OTS) – Volkshilfe Österreich Präsident Ewald Sacher und Direktor Erich Fenninger präsentierten heute Ergebnisse einer Umfrage der Volkshilfe unter pflegenden Angehörigen von Menschen mit Demenz im Kontext der Corona-Krise. „Die Ergebnisse sind alarmierend und ein dringender Handlungsauftrag an die Regierung. Wenn wir keinen Kollaps der häuslichen Pflege und Betreuung erleben wollen, muss die Regierung rasch Entlastung schaffen – gerade im Hinblick auf den Herbst“, stellt der Präsident der Volkshilfe Österreich Ewald Sacher fest.

Wegbrechen der Entlastung und Unterstützung
Die Umfrage zeigt, dass sich die Corona-Krise bei 72 Prozent der Befragten auf die Pflegesituation spürbar ausgewirkt hatte. Das betrifft insbesondere die durch den Lockdown weggebrochenen Unterstützungs- und Entlastungsangebote, etwa Therapien/Trainings (32 Prozent), Besuche im Tageszentrum (15 Prozent) oder der Verzicht auf die Unterstützung durch mobile Dienste. So hat etwa jedeR fünfte Angehörige keine Heimhilfestunden mehr in Anspruch genommen, aus Angst vor einer Ansteckung mit Sars-Cov-2. Besonders eklatant ist aber, dass 44 Prozent der Angehörigen angeben, Unterstützung durch das familiäre Umfeld nicht mehr in Anspruch genommen zu haben und 20 Prozent durch das weitere soziale Umfeld, wie etwa die NachbarInnen. Daraus resultiert auch, dass 78 Prozent der pflegenden Angehörigen durch die Corona-Maßnahmen zeitlich noch stärker in Anspruch genommen wurden. In 16 Prozent der Fälle mussten die befragten Angehörigen ihre Erwerbssituation auf Grund der Betreuungssituation verändern.

Überforderung, Hilflosigkeit, Anstrengung
Zweidrittel der Befragten gaben daher an, sich während der Corona-Krise oft (31 Prozent) oder zumindest hin und wieder (35 Prozent) überfordert gefühlt zu haben. Mehr als die Hälfte fühlte sich oft (22 Prozent) oder hin und wieder (33 Prozent) hilflos und knapp 60 Prozent allein gelassen. 50 Prozent der Angehörigen von Menschen mit Demenz empfanden die Betreuung in der Corona-Krise körperlich anstrengender.

Auswirkungen auf Menschen mit Demenz
„Gerade Menschen mit Demenz sind auf eine strukturierte Tagesroutine und kontinuierliches Training angewiesen, um den Verlauf der Krankheit positiv zu beeinflussen. Stress, Unsicherheit und gravierende Veränderungen hingegen können sich negativ auswirken und die Krankheit unter anderem beschleunigen“, stellt Präsident Ewald Sacher fest. Verhaltensänderungen an der demenzerkrankten Person nahmen 40 Prozent der Befragten wahr, die sie auf die spezielle Corona-Situation zurückführten. In 40 Prozent der Pflegebeziehungen kam es vermehrt zu emotional belastenden Situationen und Konflikten.

Rasche Maßnahmen geboten
„Die Umfrageergebnisse geben uns erste Hinweise darauf, wie es pflegenden Angehörigen während der Corona-Krise gegangen ist – ihre Situation war medial wenig präsent, obwohl die Belastungen so mannigfaltig sind“, so der Direktor der Volkshilfe Österreich Erich Fenninger. „Als Volkshilfe fordern wir von der Politik im Hinblick auf die steigenden Infektionszahlen einen Rechtsanspruch auf die Pflegekarenz für sechs Monate und den Sonderbetreuungsurlaub. Beides muss vor dem Hintergrund der Corona-Krise zeitlich ausgedehnt werden“, so Fenninger weiter.

Für Ewald Sacher und Erich Fenninger zeigen die Umfragewerte den Versorgungsnotstand in der Pflege und Betreuung: „Es braucht endlich leistbare, österreichweit wohnortnahe Angebote zur Entlastung von pflegenden Angehörigen, dazu gehören flexible stunden- und tageweise Betreuung, der Ausbau von Tageszentren, insbesondere für Menschen mit Demenz, den Ausbau von psychologischer Beratung für pflegende Angehörige sowie Handlungsempfehlungen im Umgang mit Covid-19 im Kontext der Pflege und Betreuung zu Hause“, fordern Sacher und Fenninger von der Bundesregierung.

Mit Blick auf die Versorgung mit Hygienemittel will der Volkshilfe-Direktor darüber hinaus verhindern, dass pflegende Angehörige beim Einkauf von Desinfektionsmitteln und Schutzkleidung erneut den Preisen des freien Marktes überlassen werden. „Es darf nicht sein, dass die Verfügbarkeit von Schutz vor Covid-19 vom Geldbörsl abhängt“, so Fenninger abschließend.

Zur Umfrage
Gefragt wurden 100 pflegende Angehörige von armutsbetroffenen Menschen mit Demenz im Zeitraum von Mitte Mai bis Anfang August. Die Befragten sind zu 70 Prozent weiblich, kümmern sich mehrheitlich um ihre erkrankten Eltern, insbesondere um die Mutter (48 Prozent). Die größte Gruppe der Betroffenen ist rund um die Uhr für ihre Angehörigen verantwortlich (37 Prozent). Die Kontaktdaten liegen der Volkshilfe durch den Fonds Demenzhilfe Österreich vor – alle Befragten bekamen in den Jahren 2019 und 2020 finanzielle Unterstützung von der Demenzhilfe Österreich, einem von der Volkshilfe 2012 initiierten Projekt.

Grafiken und weitere Informationen finde Sie auf unserer Website unter: www.volkshilfe.at


Originalbeitrag: OTS0049, 12. Aug. 2020
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Foto: volkshilfe Österreich