Mit dem Titel Digital Health – the future is now – hat das Kantonsspital St. Gallen letzte Woche zu einer internationalen Expertenrunde eingeladen. Dabei ging es über verschiedene Facetten um das Thema Gesundheit, Technologie, Forschung und den Menschen zusammenzubringen.

Das Team rund um Martin Brutsche hat da einen spannenden Tag gestaltet, wo verschiedene Akteure der Gesundheitsbranche ihre Erfahrungen und Anwendungen vorgestellt haben. Eine Erkenntnis aus der täglichen medizinischen Therapie ist, dass heute 50% der chronisch Kranken nicht ihre vorgegebenen Dosierungen einnehmen. Dies ist zwar verwunderlich, aber leider die Realität. Wichtig ist, dass das beste Medikament nur wirken kann, wenn es zur richtigen Zeit in der richtigen Menge eingenommen wird. Darum soll durch digitale Unterstützung – diese Quote verbessert werden. Digital Health soll dabei ein ergänzender Service sein und kein ersetzender. Darum muss die Wertschöpfungskette der Gesundheit und der Patientenpfad neu definiert und gestaltet werden.

Daten sind das Gold unserer Zeit

Heute funktioniert praktisch nichts mehr ohne Daten. Diese bieten eine optimale Grundlage zur Analyse, Forschung und schlussendlich zur Optimierung. Wenn Daten zur Verfügung stehen und diese sinnhaftig genutzt werden, kann man eine viel bessere therapeutische Unterstützung erhalten. Darum hat die EMPA mit René Rossi zusammen mit der ETH, EPFL oder auch HSG in verschiedenen Kooperationen sich folgendes Forschungsziel gesetzt, mit Daten einen Mehrwert für unsere Gesellschaft zu bieten. Aus dieser Vision ergeben sich immer mehr neue Produkte, wo z.B. Sensoren in Alltagsgegenständen verschwinden und so wertvolle Daten für die Betroffenen liefern können. Mit der smarten Erfassung ergeben sich immer mehr neue Möglichkeiten und Patienten bieten dabei eine hohe Bereitschaft an. Welche sicherlich durch den Einsatz von Smartphone & Wearables gewährleistet wird. Wenn diese Devices nützliche Informationen an eine Patienten-App senden und diese z.B. an die Einnahme von Medikamenten erinnern, ist das eine wertvolle Unterstützung.

Wir leben in einer 7×24 geprägten Gesellschaft welche immer schnelllebiger wird. Die Herausforderung dabei ist die Leistungserbringung innerhalb dieser Ansprüche zu ermöglichen. In den USA werden heute schon Services in diese Richtung ermöglicht und werden immer mehr durch neue Möglichkeiten ergänzt. Dabei wird das Bild, welches uns Grey’s Anatomy vermittelt immer mehr Realität. Der digitale Patientenpfad muss und soll dabei im Mittelpunkt stehen. Wenn ich als Patient alles zu meinem Gesundheitsbild jederzeit zur Verfügung habe und dieses Ärzte einblicken können (je nach Rechtedefinition), erleichtert das langfristig das Zusammenspiel im Gesundheitswesen. Und genau so ein Bild hat die Mayo Clinic entworfen und arbeitet heute schon mit diesem Modell. Auch ist man in den USA dran, dass man immer mehr digitale Devices in diesen Prozess integriert und heute schon Alexa von Amazon oder Google Assistant zum Zug kommen.

Europa ist noch nicht soweit

In Europa sind wir erst mit technologischen Systemen wie die Digitalen Assistants am Anfreunden. Man kann natürlich immer sagen, dass es rechtliche und ethische Grenzen gibt, aber man muss sich auch mal was wagen und den Mehrwert für die Betroffenen in den Mittelpunkt stellen. Auch müssen sich mit diesen neuen Möglichkeiten die Finanzierungsmodelle verändern. Heute kennen wir immer noch den klassischen Weg zum Arzt, der verschreibt mir etwas und dafür kann ich dann zum nächsten Spezialisiten gehen. Dieses Modell muss sich umso mehr verändern, weil die Digital Health Player in der Regel den ersten Diagnoseteil mit den neuen Gadgets übernehmen können und werden. Ein erster Ansatz ist der der Tele-Medizin, welche über einen zentralen Hub die Verordnungen und Diagnosen leitet bzw. steuert. Dieses Modell ist in den USA weitaus mehr verbreitet als bei uns und vor allem auch mit der elektronischen Patientenakte als zentrale Basis verankert.

Wenn 3D Printing die Medizin revolutioniert

Bis vor kurzem mussten Ärzte einen enormen Planungsprozess für hochkomplexe Eingriffe machen und konnten erst während der Operation herausfinden, ob alles richtig geplant wurde. Heute können aufgrund von Laser, Scanner und Computer unterstützender Programme Modelle errechnet und diese mittels 3D Printer nachgebildet werden. Dabei können die Ärzte die Eingriffe viel besser vorbereiten und mit zusätzlichen technologischen Hilfsmitteln nachhaltiger abwickeln. Viele Forschungsinstitute und einige Kliniken haben bereits solche Systeme im Einsatz. In den kommenden Jahren wird das den Gesundheitsbereich mehr und mehr revolutionieren.

Neue Technologien unterstützen zudem die Ärzte in den immer komplexer werdenden Operationen. Dabei eignen sich Brillen wie Google Glass oder Hololens, welche nicht nur die Sichtbarkeit, sondern auch die kniffligen Schritte unterstützen können. Aber auch die Zuwahl von Spezialisten, von überall auf der Welt, kann eine Bereicherung für die Medizin der Zukunft sein. Eine technologische Unterstützung wurde bereits mit dem Da Vinci Robot gezeigt. Somit wird sich das Jobprofil in den Spitälern einerseits verändern, aber auch neue Jobprofile aus technologischen Bereichen werden normal.

Wir müssen Menschen mehr zutrauen

Wenn ältere Personen Fragen zu ihrem Smartphone haben, dann fragen sie ihre Enkel, bis sie es verstehen. Heute ist es normal, dass ältere Personen sich mit technologischen Möglichkeiten vertraut machen. Der Einsatz der neuen Anwendungen ist wie im Fall des Smartphones kinderleicht. Diese Basis müssen wir uns zu Nutzen machen und viel mehr deren Einsatz fördern. Menschen mit Krankheiten sind heute weitaus besser über diese informiert und sind gewillt, digitale Unterstützer einzusetzen, wenn sie ihnen einen Mehrwert bieten.

Darum eignen sich Digitale Coaches immer besser im medizinischen Alltag. Ganz viele Beispiele zeigen heute schon wie gut und effizient der Einsatz der digitalen Helfer funktioniert. So konnte mit MAX ein Asthma Coach für Kinder entwickelt werden, welcher die Eltern und das Kind in ihrem Umgang mit Asthma unterstützt. Auch ein interessantes Beispiel ist Alex der digitale Physiotherapeut, welcher bei den Übungen Hilfestellung bietet. Diese Beispiele zeigen, wie man in Zukunft durch eine hybride Therapie (persönlich & digitaler Coach) nachhaltiger und kosteneffizienter den medizinischen Bereich gestalten kann.

Wenn Roboter die Arbeit übernehmen

In den letzten Jahren ist immer wieder von dem Jobverlust durch Roboter zu lesen. Dabei wird mehr Angst um ein Thema gemacht, welches jedoch noch weit in den Anfangsstadien in gewissen Bereichen steck. Natürlich kennt man aus der Autoindustrie, dass Roboter dort Autos fast autonom zusammenbauen können. Ob sich jedoch das flächendeckend in Jobs durchzieht, ist heute noch nicht ganz vorhersagbar. Auch wenn heute von künstlicher Intelligenz und der hohen Unterstützung bis zu Jobverlust durch diese neue Technologie berichtet wird, sind wir erst im Stadium eins und bis zum dritten Stadium, wo die Super Intelligenz agiert, ist es ein langer Weg.

In Asien, den USA und auch in der Schweiz gehören jedoch gewisse Roboter heute schon als nette Gadgets dazu. So werden sie heute als Sensibilisierer oder Wegbegleiter in Einkaufscentern eingesetzt, aber von einem grossen Einsatz sind wir noch weit entfernt. Betrachtet man den demographischen Wandel von Japan, wo die Anzahl an Personen, welche sich in der dritten Lebensphase befinden, heute schon aktuell ist. Das wird in der Schweiz erst in ein paar Jahren eintreffen. Mit der Altersstruktur von Japan würde der Einsatz von Robotern heute schon in gewisser Form Sinn machen. Der technologische Einsatz ist von älteren Menschen in Japan viel höher akzeptiert als wie von den Jungen. Diese spannende Erkenntnis hat Sabina Misoch selbst bei ihren Besuchen in Japan erfahren können. Roboter wie Pepper, Lio, Kuka und Co. werden heute mehrheitlich als Case-Studien angepriesen, haben sich aber trotz der Akzeptanz immer noch nicht im Alltag durchgesetzt. Die Forscherin wird mit ihrem Team an der FHSG verschiedene Roboter testen und ihre Erfahrungen mit Schweizer Patienten machen. Dazu werden wir in nächster Zeit sicherlich mehr zu hören bekommen und wie diese sich in unseren Breitengraden nachhaltig einsetzen lassen.

Wenn Start-ups Märkte verändern

Die Schweiz zählt als Innovationsweltmeister und fördert mit ihren Inkubatoren diesen Status. Neben den vielen Zentren werden an den Hochschulen die kreativen Köpfe ausgebildet und durch die Vernetzung die richtigen Leute zusammengebracht. Man verabschiedet sich immer mehr vom Silodenken und versucht themenübergreifend zusammenzuarbeiten. Die EMPA ist ein Vernetzer und so können viele spannende Projekte oder Spinoffs aus dem Unternehmen geboren werden.

Heute müssen Unternehmen Probleme lösen und so haben sechs Start-ups ihre Lösungen vorstellen können: Advancience, Arbrea Labs, nahtlos, pathmate und Sleepiz. Diese Startups konnten in ihren 5-Minuten-Pitches eine neue Herleitung von medizinischen Ansätzen aufzeigen. Es zeigt sich, dass mit neuen Marktteilnehmern und Methoden der Gesundheitsmarkt in den nächsten Jahren eine enorme Veränderung erhält. Die Revolutionen werden kommen, ob das die bestehenden Marktteilnehmer wünschen oder nicht. Wenn der Patient einen Mehrwert erhält, was er durch diese Start-ups garantiert erhält, werden sich die spannenden Ansätze durchsetzen.

Während der Konferenz wurde der erste Digital Health Vadian vergeben. Diesen Titel konnte sich Sleepiz ergattern. Herzliche Gratulation nochmal auf diesem Weg.

Die Reise ins Weltall

Was hat die Raumfahrt mit Digital Health zu tun? Das werden sich wohl die ein oder anderen bei der Ankündigung von Bruno Stanek, dem SRF-Moderator der ersten Mondlandung vor 50 Jahren, gefragt haben. Natürlich müssen Astronauten fit und gesund sein, dass sie in den Weltraum reisen können. Aber die Basis ist eine andere. Die NASA ist seit der ersten Mondlandung am Forschen, Entwickeln und hat seitdem rund 500 Mrd. $ ausgegeben. Seit ein paar Jahren hat sich ein Mann, der auch die Automobilbranche herausfordert, ein Ziel gesetzt, das er mit einer klaren Vision verfolgt. Er möchte die Raumfahrt revolutionieren und nachhaltiger machen. Auch wenn Elon Musk genauso Milliarden investiert, ist er heute schon viel schneller und besser unterwegs als alle anderen Marktteilnehmer. Er hat sich das beste Team zusammengestellt und schafft mit diesem enorme Innovationen. Diese dienen zukünftig nicht nur der Raumfahrt, sondern vielen anderen Branchen. Bruno Stanek hat mit diesem Beispiel aufgezeigt, dass mit klaren Visionen und der konsequenten Fokussierung Unglaubliches möglich ist. Man muss nur dran bleiben und sich von den Neidern oder Negativen nicht vom Weg abbringen lassen.

Der Zukunft gehört die Welt

Technologien sind die Basis für viele Veränderungen. Die Akzeptanz ist jedoch ein entscheidendes Element im Ganzen. Der Mensch spielt eine wesentliche Rolle für Digital Health und deren Entwicklung. Genauso wie das bei vorherigen Entwicklungen der Fall gewesen ist, müssen wir die neuen Möglichkeiten verstehen und kennenlernen, um sie anwenden zu können. Wenn der Mehrwert gross genug ist oder die Krankheit den Einsatz unabdingbar machen, wird sich das Thema schnell durchsetzen. Mit der technologischen Entwicklung und deren Möglichkeiten zeigt sich, dass wir immer schneller Dinge im Alltag akzeptieren, wenn sie uns unterstützen oder sogar lästige Dinge eliminieren. Darum freue ich mich, dass viele der Teilnehmer an der Zukunftsgestaltung mitwirken. Digital Health – the future is now.

Foto: pixabay