Nachlese: BarCamp 2018 „Demenz hat Zukunft – Was machen wir heute?“

Von Renate Bittermann und Karin Seper.

Am 16. April 2018 fand im Haus der Barmherzigkeit Pflegekrankenhaus Tokiostraße das vierte BarCamp unter dem Motto „Demenz hat Zukunft – Was machen wir heute?“ statt. ExpertInnen aus verschiedenen Bereichen (Pflege, Pflegeberatung, Therapie, Medizin, Qualitätsmanagement, Forschung) und Gäste kamen zusammen, um gemeinsam Erfahrungen aus der Praxis auszutauschen und von einander zu lernen.

Ziel der Veranstaltung war es, nach einem kurzen fachlichen Input in den Austausch und die Diskussion zu gehen, um so einen regen Wissenstransfer zu ermöglichen. Dabei wurde das Thema Demenz aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet und diskutiert.

In der Session „Privatsphäre, Intimität und Sexualität in der Pflege von Menschen mit Demenz – Grenzen und Möglichkeiten“ wurde die Bedeutung der Sexualität als Teilaspekt der Lebensqualität und die auf sie wirkenden Einflussfaktoren dargestellt. Die mit dem Alter einhergehende zunehmende Pflegebedürftigkeit und -abhängigkeit und der damit verbundene Eintritt in eine Langzeitpflegeeinrichtung stellt Pflege- und Betreuungspersonen vor die Herausforderung, den von BewohnerInnen geäußerten Bedürfnissen Beachtung zu schenken und dabei die persönlichen und professionellen Grenzen zu wahren. In der gemeinsamen Diskussion wurden erfahrene Grenzen und Möglichkeiten der Berücksichtigung von sexuellen Bedürfnissen der BewohnerInnen in der Pflege- und Betreuungspraxis einander gegenübergestellt.

In einem Beitrag zu Aktionsfeldern um Autonomie und Selbstbestimmung von Menschen mit Demenz zu fördern, wurde die Umsetzung des Konzepts Basale Stimulation, der Biografiearbeit und der Humanistischen Fürsorge bei BewohnerInnen mit Demenz in drei Fallbeispielen vorgestellt. Hierbei konnte eindrücklich gezeigt werden, wie ein 90-jähriger Mann nach sechsmonatiger Anwendung von (oraler) Stimulation wieder gelernt hat selbstständig zu essen. Über die Berücksichtigung biografischer Informationen konnte die Pflege bei einer 85-jährigen Bewohnerin leichter möglich gemacht werden. Über den Ansatz der humanistischen Fürsorge, die die darauf abzielt, Wohlbefinden und persönliches Wachstum zu fördern, konnte das Pflegepersonal ein besseres Verständnis über einen 80-jährigen Mann gewinnen, was in weiterer Folge zu einer patientInnenorientierten humanistischen Betreuung führte.

In den Sessions „Raumverloren – wieviel Raum braucht Demenz?“ und „Betreuungs- und Förderungsangebote von BewohnerInnen auf einer Demenzstation“ wurden an den Schweregrad der demenziellen Erkrankung angepasste Betreuungsangebote vorgestellt und Möglichkeiten, die sich durch unterschiedliche Raumgestaltung eröffnen, den TeilnehmerInnen nähergebracht.

Aus ergotherapeutischer Perspektive wurde in „Aktivitäten von BewohnerInnen verstehen“ die Handlungsfähigkeit von Menschen mit Demenz in den Fokus genommen. Anhand von Fallbeispielen und praktischen Übungen wurde gezeigt, wie das Modell der Handlungsanalyse von Marlys Blaser für die ergotherapeutische Befundung und Reflexion in der Praxis Anwendung findet.

Ob und wie Demenz über die Untersuchung der Netzhaut früherkannt werden kann wurde im medizinischen Beitrag „Die Untersuchung der Netzhaut des Auges als Teil des Gehirns – eine Möglichkeit zur Früherkennung der Demenz?“ vorgestellt. Der nicht-invasive Ansatz löste großes Interesse aus. Die Endergebnisse werden neugierig erwartet.

In einem weiteren Input wurde die „Aromapflege bei Menschen mit Demenz“ unter die Lupe genommen. Den ZuhörerInnen wurde der gegenwärtige Stand der Wissenschaft mit dem Fokus auf Agitation bei Menschen mit Demenz geschildert und mögliche Einsatzgebiete vorgestellt.

In der Session „Geragogik bei Menschen mit Demenz“ wurden Hintergründe und Grundlagen der noch jungen Disziplin in der Langzeitbetreuung von älteren und alten Menschen vorgestellt. Bei der Umsetzung in der Praxis wird hierbei ein besonderes Augenmerk auf die Biografiearbeit sowie die Förderung der Selbst- und Mitbestimmung und des Zugehörigkeitsgefühls gelegt. Im Erfahrungsaustausch konnten geschildert werden, wie ein größeres Verständnis für alte Menschen entstehen und, wie auf die Bedürfnisse der BewohnerInnen empathisch eingegangen werden kann.

Welche Bedeutung der Einzug in eine Langzeitpflegeeinrichtung für einen Menschen mit Demenz haben kann, konnte in einem anderen Kurzbeitrag mit den TeilnehmerInnen diskutiert werden. Nachdem vorgestellt wurde, wie auf einer Demenzstation die ersten Tage gestaltet werden wurden im regen Austausch Erfahrungen zwischen ReferentInnen und dem Publikum ausgetauscht.

Die „Ehrenamtliche Begleitung von Menschen mit Demenz“ wurde von den Ehrenamtskoordinatoren zweier Pflegekrankenhäuser vorgestellt. Wie geeignete Ehrenamtliche für die Begleitung von dementen Menschen gefunden werden und welche förderlichen Strukturen und welche Haltungen in der Organisation hinsichtlich der ehrenamtlichen Begleitung von dementen BewohnerInnen notwendig sind, wurde sehr anschaulich vermittelt.

In einem weiteren medizinischen Beitrag wurde die „Demenz aus psychiatrischer Perspektive“ betrachtet. Nach einem Überblick über die Formen von Demenz und ihrer Charakteristika, wurde diskutiert, wie Menschen mit Demenz besser verstanden und interdisziplinär betreuen werden können.

Eindrücke einer ersten Begegnung von BewohnerInnen mit Virtueller Realität wurden im Zuge der kurzen Vorstellung des Projekts „VR [ˈviː-ˈɑr] Senior“ mit den BesucherInnen geteilt. In diesem Projekt bekamen BewohnerInnen die Möglichkeit, mit Hilfe einer an die Bedürfnisse der NutzerInnen angepassten Virtual Reality Brille, ohne großen Aufwand virtuelle Ausflüge zu schwer erreichbaren Orten zu machen und Neues erleben oder Lieblingsorte besuchen zu können. In der Diskussion wurde überlegt, ob eine VR-Brille bei BewohnerInnen mit Demenz einsetzbar wäre und ob dies eine Möglichkeit zur Freizeitgestaltung für alte Menschen in einer Langzeitpflegeeinrichtung sein könnte.

In der letzten gemeinsamen Session wurden alle Beiträge zusammengefasst und ein Resümee darüber gegeben, was bereits heute getan wird, um auch in Zukunft Menschen mit Demenz bestmöglich betreuen zu können. Beim Ausklang in gemütlicher Atmosphäre konnten bei Speis und Trank Ideen, Überlegungen und Fragen noch weiter ausgetauscht werden.

Fotos: Haus der Barmherzigkeit
2018-08-02T08:57:57+00:002. August 2018|News|