Die Pflegeausbildung in Deutschland befindet sich in den letzten Jahren in einem einschneidenden Wandel durch das Pflegeberufegesetz (PflBG) und Pflegestudiumstärkungsgesetz (PflStudStG). Exemplarisch müssen hier die Einführung einer generalistischen Pflegeausbildung, die Änderung der Berufsbezeichnung zu „Pflegefachmann“/Pflegefachfrau“ (§ 1 PflBG) und die Schaffung eines praxisintegrierten und insbesondere primärqualifizierenden Studiums in der Pflege, bei dem die Verantwortungsübernahme durch eine Hochschule erfolgt (§ 38 PflBG), genannt werden. Im Kontext der Pflegeausbildung ergibt sich das Novum, dass den Hochschulen nun die Gesamtverantwortung für die Organisation der hochschulischen Pflegeausbildung in theoretischer und praktischer Hinsicht obliegt. Das Pflegestudiumstärkungsgesetz rückt die eigenverantwortliche Ausübung heilkundlicher Tätigkeiten durch Pflegefachpersonen stärker in den Fokus. So sollen an den Hochschulen erweiterte Kompetenzen im Rahmen der Versorgung von Menschen mit diabetischer Stoffwechsellage, chronischen Wunden und Demenz vermittelt werden. Als konzeptioneller Rahmen wirken hierbei die Module der Fachkommission (§ 53 PflBG), die ursprünglich für Modellvorhaben im Rahmen des Fünften Sozialgesetzbuch (§63 Absatz 3c; §64) geschaffen worden sind. Das Pflegestudiumstärkungsgesetz ermöglich es somit Pflegestudierenden im Rahmen des Studiums Kompetenzen zu erwerben, die sie dazu befähigen im Rahmen der Versorgung von Menschen mit Demenz, chronischen Wunde und diabetischer Stoffwechsellage heilkundliche Tätigkeiten durchzuführen. Neben der hochschulischen Primärqualifizierung im Kontext der Pflege eine weitere sowohl gravierende als auch innovative Transformation. Die rechtlichen Rahmenbedingungen der Heilkundeübertragung in der Pflege werden somit klarer und zielen langfristig auf eine Versorgung ab, die sich durch Qualität und Interprofessionalität auszeichnet. Auch vollzieht sich durch die rechtlichen Rahmenbedingungen eine Aufwertung des Pflegeberufes, da qualifizierte Pflegefachpersonen befähigt werden im beruflichen Kontext zukünftig vermehrt eigenverantwortlich zu handeln. Diese Rahmenbedingungen stellen somit einen weiteren Baustein im Kontext von Professionalisierung und Autonomie des Pflegeberufs darf.
Verantwortung und Stärkung der interprofessionellen Zusammenarbeit
Die Übertragung von Heilkunde bedeutet aber nicht die vollständige Abtrennung der Berufsgruppe der Pflege im Versorgungskontext von Menschen mit gesundheitlichem Versorgungsbedarf, vielmehr ist es eine Chance eine gezielte Erweiterung pflegerischer Verantwortung zu erlangen und die Qualität der Gesundheitsversorgung in Deutschland zu verbessern. Eine Zusammenarbeit im interprofessionellen Team wird im Versorgungskontext somit immer essenzieller, insbesondere auch bei komplexen Bedarfen. Hierzu kann auch ein Blick in den angloamerikanischen Sprachraum aufzeigen, inwieweit sich Spezialisierung und interprofessionelle Zusammenarbeit förderlich auf Versorgungskontexte auswirken können. Zu einem ähnlichen Schluss im Kontext der langzeitstationären Versorgung in Deutschland kommt auch der Pflege-Report 2023 (S. 211). Auch im Kontext der Versorgung chronischer Wunden kann sich durch eine interprofessionelle Zusammenarbeit ein in der Wundversorgung elementares Versorgungskontinuum ohne Versorgungsunterbrechungen oder -abbrüche ergeben.
Wundversorgung im Rahmen pflegerischen Handelns.
Im pflegerischen Kontext stellt die Versorgung chronischer Wunden eine der größten Herausforderungen im beruflichen Alltag dar. Ulcera, Dekubitus und das diabetische Fußsyndrom sind Krankheitsbilder mit denen Pflegende in ihrem Arbeitsfeld oft konfrontiert sind und die eine durch Kontinuität und Spezialisierung geprägte Behandlung bedürfen. Pflegefachpersonen übernehmen bei der Versorgung von chronischen Wunden verschiedenste Aufgaben wie beispielsweise die Erhebung kontextbezogener Assessments, die Durchführung von Verbandswechseln, die Beurteilung des Wundzustands, die Auswahl geeigneter Materialien und die Dokumentation des Heilungsverlaufs.
Im Rahmen der hochschulischen Ausbildung werden diese Kompetenzen systematisch vermittelt. Die Studierenden lernen Bedarfe situativ einzuschätzen, evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen, interprofessionell zu kommunizieren und die Versorgung ganzheitlich zu gestalten. Dabei spielen auch Aspekte wie die Einhaltung hygienischer Bedingungen, Ernährungszustand, Schmerzmanagement, Unterstützungspotentiale durch das soziale Umfeld und psychosoziale Betreuung eine wichtige Rolle.
Ein weiterer wichtiger Aspekt im pflegerischen Handeln stellt die rechtliche Absicherung dieser Tätigkeiten dar. Diese Absicherung ist im Rahmen der heilkundlichen Tätigkeiten im Kontext der Pflege noch einmal deutlich wichtiger. Daher müssen die Pflegefachpersonen nicht nur fachlich qualifiziert sein, sondern auch die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Tätigkeiten kennen.
Herausforderungen und Perspektiven
Aufgrund der Vielzahl der gesetzlichen Neuerungen und trotz der damit verbundenen positiven Entwicklungen bedeutet dies für den hochschulischen Kontext enorme Veränderungsprozesse. Die Integration und Planung der neuen Module erfordert strukturelle Veränderungen in personeller, organisationaler und didaktischer Form. Insbesondere durch die Übernahme der Gesamtverantwortung für theoretische und praktische Ausbildung unter Zuhilfenahme von Praxispartnern benötigt die Anpassung etablierter Prozesse. Für die Inhalte der Vermittlung der Inhalte und Kompetenzen im Kontext der chronischen Wunden müssen Lehrende gefunden oder weitergebildet werden und auch die Praxispartner müssen bereit sein, die Studierenden in den dann erweiterten Rollen zu begleiten.
Fazit
Die Heilkundeübertragung im Kontext der spezialisierten Wundversorgung wird zu einem zentralen Element der hochschulischen Pflegeausbildung in Deutschland. Dabei gilt es auch, eine Verstetigung in der Versorgungslandschaft zu forcieren, da hierdurch wird ein Paradigmenwechsel im Berufsbild der Pflegefachperson forciert wird. Dieser kann die Interprofessionalität in der deutschen Gesundheitsversorgung auf ein neues Niveau heben, da Pflege durch evidenzbasierte Versorgung von Menschen mit chronischen Wunden zu einer Verbesserung der Versorgungsqualität im deutschen Gesundheitswesen – einer derzeit (noch) brachliegenden Ressource - beitragen kann.
Stefan Schoenstein, M.Sc. Gesundheitsförderung
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
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