Zusammenfassung
Ein Delir ist eine akute, fluktuierende und meist reversible Verwirrtheit, gekennzeichnet durch eine Aufmerksamkeitsstörung und begleitet von Symptomen wie Unruhe, Halluzinationen, Apathie und Desorientierung. Eine nüchterne Beschreibung eines Zustands, der dem Erleben von Betroffenen nicht gerecht wird. Für diese ist es ein Albtraum im Wachzustand, eine verstörende Reise durch eine verzerrte Realität, die tiefe Ängste und Hilflosigkeit hinterlässt. Als Pflegende ist es unsere Aufgabe, diese unsichtbare Krise zu verstehen und den Betroffenen in dieser vulnerablen Phase beizustehen.
Delir – Ein Albtraum im Kopf
„Meine Zeit auf der Intensivstation war von einem schweren Delir geprägt. Ich weiß nicht, ob es während oder nach der Extubation begann, aber ich weiß, dass ich kein Gefühl für Zeit und Ort hatte. Meine letzte klare Erinnerung ist, wie ich für den eigentlichen OP-Eingriff in den Operationssaal ging; das nächste, woran ich mich erinnere, ist drei Wochen später, und dazwischen lag eine völlig andere Welt. Rational verstehe ich, dass ich von Menschen umgeben war, die versuchten, mich wieder gesund zu machen, aber während dieser Zeit erlebte ich den puren Schrecken. Ich verwende dieses Wort nicht leichtfertig. Ich erlebte Missbrauch, Belästigung, Demütigung und Folter. Alles, was mir in meinem Delir widerfuhr, war für mich real, und bis heute sind meine Erinnerungen daran unverändert. Ich kann alles fühlen, schmecken, sehen und hören.“ [1, S. 314, Übers. d. Verf.].
Was Luise Gallie beschreibt, ist das, was ein Delir mit den Menschen macht.
Es kommt plötzlich und sorgt für eine allgegenwärtige Desorientierung. Betroffene können ihren Aufenthaltsort, die Zeit oder sogar ihre Identität nicht erkennen und einordnen. Ein Gefühl, als würde man den Boden unter den Füßen verlieren, verlassen und allein. Eine grundlegende Unsicherheit, die zutiefst beängstigend ist [1,2,3].
Halluzinationen, Illusionen und Fehlinterpretationen der Realität lassen die Welt zum Feind werden. Etwa 30% der Betroffenen erleben visuelle Halluzinationen und sehen Tiere (z. B. Insekten, Schlangen), Szenen (z. B. Feuer, fließendes Wasser) oder bedrohliche Gestalten (z. B. Geister, Teufel) [4]. Angehörige der Gesundheitsberufe werden als „Aliens“ oder „Soldat:innen“ wahrgenommen, die Experimente durchführen oder foltern [5]. Diese Erlebnisse führen unweigerlich zu Angst, Panik, Aggression und dem verzweifelten Versuch, aus der vermeintlich lebensbedrohlichen Situation zu fliehen, was sich darin äußert, dass Betroffene versuchen Ableitungen jeglicher Art zu entfernen und aufzustehen [3].
Aufmerksamkeitsstörung und Sprachstörungen behindern die Fähigkeit sich zu konzentrieren und sich auszudrücken. Betroffene haben Mühe die richtigen Worte zu finden oder ihre Bedürfnisse zu artikulieren, was zu großer Frustration führt. Sie fühlen sich missverstanden und allein mit ihren Ängsten [3].
Selbst nach Abklingen des Delirs bleiben oft lebhafte Erinnerungen an die verstörenden Erlebnisse. Betroffene schämen sich häufig für ihr Verhalten. Sie haben Hemmungen über ihre Erfahrung zu sprechen. Unaufgearbeitet entsteht eine langfristige psychische Belastung, die es zu vermeiden gilt [3].
Pflege – Der Anker im Nebel
Pflegende als auch An- und Zugehörige sind für Betroffene ein Anker in ihrer verwirrten Welt. Alles dreht sich um Verständnis, Empathie und Sicherheit.
Erkennen Sie an, dass die Erlebnisse der Betroffenen real sind, auch wenn sie nicht unserer Realität entsprechen. Widersprechen oder korrigieren Sie nicht, sondern versuchen Sie, die zugrunde liegende Angst zu adressieren und Sicherheit zu vermitteln. Sagen Sie zum Beispiel: "Ich sehe, dass Sie Angst haben. Hier sind Sie sicher, und ich bin bei Ihnen." [2,3,6].
Sprechen Sie langsam, deutlich und in kurzen Sätzen. Stellen Sie sich selbst vor und nennen Sie den Namen des Betroffenen. Erinnern Sie die Betroffenen regelmäßig an den Ort und die Zeit. Jegliche Interaktion bietet Raum für sanfte Reorientierung [2,3].
Minimieren Sie Lärm, grelles Licht und unnötige Störungen. Sorgen Sie für eine ruhige und sichere Umgebung, Verwirrung zu reduzieren, Stürze und Selbstverletzungen zu vermeiden [2,3].
Beziehen Sie An- und Zugehörige aktiv ein. Klären Sie diese über das Delir auf, damit sie den Zustand und das Verhalten der Betroffenen besser verstehen können. Ermutigen Sie diese anwesend zu sein, persönliche Gegenstände mitzubringen und mit den Betroffenen über positive Erlebnisse zu sprechen. Vertraute Gesichter und Stimmen vermitteln Sicherheit und beruhigen [2,3]. Informieren Sie An- und Zugehörige über die Möglichkeit, kurze, beruhigende Nachrichten aufzuzeichnen, die den Betroffenen vorgespielt werden können. Studien zeigen, dass dadurch die Häufigkeit von Delirien reduziert werden können [7]. Ein Flyer mit reorientierenden Botschaften kann hier eine praktische Anleitung bieten [6].
Fazit
Das Delir ist eine beängstigendste Erfahrung. Doch mit einem Verständnis für das Erleben, menschlicher Nähe, Empathie sowie dem Einbezug von An- und Zugehörigen können wir den entscheidenden Unterschied machen, damit Betroffenen den Nebel der Verwirrung durchdringen und den Weg zurück in die Realität finden können.
Literatur
[1] Gallie, L. (2024). Delirium: name it, say it—loud and clear. Intensive Care Medicine, 50(2), 314–316. https://doi.org/10.1007/s00134-023-07279-2
[2] Jing, D., Weijing, S. & Yiyu, Z. (2025). Patients’ and family members’ dyadic experience of post‐operative delirium in the intensive care unit: A qualitative study. Nursing in Critical Care, 30(2). https://doi.org/10.1111/nicc.13297
[3] Schmitt, E. M., Gallagher, J., Albuquerque, A., Tabloski, P., Lee, H. J., Gleason, L., Weiner, L. S., Marcantonio, E. R., Jones, R. N., Inouye, S. K. & Schulman-Green, D. (2017). Perspectives on the Delirium Experience and Its Burden: Common Themes Among Older Patients, Their Family Caregivers, and Nurses. The Gerontologist, 59(2), 327–337. https://doi.org/10.1093/geront/gnx153
[4] Tachibana, M., Inada, T., Ichida, M. & Ozaki, N. (2021). Factors affecting hallucinations in patients with delirium. Scientific Reports, 11(1). https://doi.org/10.1038/s41598-021-92578-1
[5] Falk, A., Stenman, M., Kåhlin, J., Hultgren, R. & Nymark, C. (2023). Suffering in silence – Cardiac surgery patients recalling hypoactive delirium a qualitative descriptive study. Intensive And Critical Care Nursing, 79, 103493. https://doi.org/10.1016/j.iccn.2023.103493
[6] Nydahl, P., Chahdi, M., Debue, A., Deffner, T., Galazzi, A., Gallie, L., La‐Calle, G. H., Krotsetis, S., Lewko, A., Lindroth, H., Liu, K., Paulino, M. C., Prigge, A., Van den Boogaard, M. & Von Haken, R. (2024b). You are safe here: A flyer with re‐orientating messages for families of patients with delirium in the intensive care unit. Nursing in Critical Care, 29(6), 1276–1279. https://doi.org/10.1111/nicc.13169
[7] Munro, C. L., Cairns, P., Ji, M., Calero, K., Anderson, W. M. & Liang, Z. (2017). Delirium prevention in critically ill adults through an automated reorientation intervention – A pilot randomized controlled trial. Heart & Lung, 46(4), 234–238. https://doi.org/10.1016/j.hrtlng.2017.05.002
Florian Schimböck, MSc, MEd
Pflegewissenschaftler, Pflegepädagoge, diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Praxisanleiter und Simulationstrainer in der Arbeitsgruppe Didaktik der Pflege und Gesundheitsberufe der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Delir, Demenz, Simulation, E-Learning und Künstliche Intelligenz. Er ist Mitglied der Expert*innen-Arbeitsgruppe Delir des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP).
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