Luisa Erhard, Lea Bräuer, Thomas Hillemacher, Sven Keitel
Aggression und Gewalt im Kontext einer Demenz sind ein häufiges, wenn auch tabuisiertes Problem. Dabei gehen Aggressionsereignisse sowohl von dem Menschen mit Demenz als auch von pflegenden Angehörigen aus. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Durch die fortschreitende Demenz sind Betroffene immer weniger in der Lage, adäquat auf Situationen zu reagieren, ihre Bedürfnisse zu äußern und die Intention des Verhaltens anderer richtig einzuschätzen. Angehörige dagegen sind häufig durch die Pflege und oft auch durch das Verhalten der erkrankten Person belastet und überfordert, wodurch es auch von Seiten der Angehörigen zu Gewalt und Aggression kommt. Diese Studie soll über die Hintergründe aggressiver Verhaltensweisen aufklären und Angehörigen Entlastung und Hilfestellung bieten. Durch Fragebögen und Interviews mit pflegenden Angehörigen sollen die Häufigkeit, Formen und Hintergründe aggressiven Verhaltens erfragt werden. In einem weiteren Schritt findet eine Intervention statt, bei der Angehörige durch eine Schulung im Umgang aggressivem Verhalten deeskalierende Strategien lernen, um dieses Verhalten zu reduzieren nach Outcome Deeskalation und Prävention. Im Anschluss daran finden direkt nach der Schulung und drei Monate im Anschluss weitere Befragungen statt, um den Effekt der Intervention zu prüfen.
Aggression and violence in the context of dementia are a common problem, even though this topic is taboo. Incidents of aggression are caused both by the person with dementia and by family caregivers. The reasons for these incidents are various. Mostly, people with dementia are less and less able to react appropriately to situations, express their needs and correctly assess the intentions of others behavior. On the other hand, caregivers are often overwhelmed by the care and the person’s behavior, which also leads to incidents of aggression and violence. This study aims to discover why aggression and violence happens in the context of dementia and to offer relief and support to relatives. Questionnaires and interviews with care givers will be used to determine the frequency, forms and backgrounds of aggressive behavior. Furthermore, an intervention will be offered to caregivers in which they can learn de-escalating strategies for dealing with aggressive behavior in order to reduce it by Outcome Deeskalation and Prävention. In a final step, there will be two more surveys, one immediately after the training and one three months later to check the impact of the intervention.
Neben institutioneller Pflege findet ein Großteil der Versorgung von Menschen mit Demenz im häuslichen Umfeld statt. Daten des statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2023 ergeben, dass etwa vier von fünf pflegebedürftigen Personen in Deutschland zu Hause versorgt werden, meist durch pflegende Angehörige. Hierbei sind v.a. Frauen mit langen Pflegezeiten und einem hohen Umfang an der Pflege beteiligt (Rothgang, Kalwitzki, Müller, Runte & Unger, 2015). Insbesondere die Vereinbarkeit von Pflege angehöriger Personen und eigener Erwerbsarbeit stellt häufig eine starke Belastung dar (Schilder & Philipp-Metzen, 2022). Pflegende Angehörige werden als Risikogruppe im Hinblick auf eigene gesundheitliche Belastungen bewertet. Dabei tragen unterschiedliche Faktoren zur Belastung pflegender Angehöriger bei, z.B. die Dauer, in der gepflegt wird, oder die empfundene Entscheidungsfreiheit, mit der die Pflege von Angehörigen übernommen wird (Schilder & Philipp-Metzen, 2022).
Pflegende Angehörige sind häufig Adressaten symptombedingter Gewalt und Aggression von Menschen mit Demenz. Dazu zählen sowohl physische Angriffe wie Treten, als auch verbale Angriffe (Görgen, 2009, Schilder & Philipp-Metzen, 2022). Eine allgemeingültige Definition von Gewalt an pflegenden Angehörigen, ausgehend von Menschen mit Demenz, existiert nicht (Wharton & Ford, 2014). Für die pflegende Person bedeuten die Angriffe vor allem eine hohe Belastung sowie einen negativen Einfluss auf die eigene Gesundheit und Sicherheit (Wharton & Ford, 2014). Gewalt in der häuslichen Pflege geht jedoch nicht nur von Menschen mit Demenz aus. Auch umgekehrt werden Menschen im Kontext der häuslichen Pflege Opfer von Gewalt, ausgehend von pflegenden Angehörigen In einer Übersichtsarbeit untersuchten Fang und Yan (2018), inwieweit ältere Menschen dem Risiko von Gewalt ausgesetzt sind. Dies wird in der Literatur auch als „elder abuse“ bezeichnet.
Unser Studienprojekt ist in drei Teilprojekte gegliedert.
Zunächst wird in Teilprojekt 1 Aggression und Gewalt bei Patienten mit Demenz im ambulanten und stationären Setting erfasst. Es erfolgt eine neuropsychologische Testung sowie eine Befragung des Angehörigen nach aggressiven Verhaltensweisen und Gewalt, sowohl von Seiten des Angehörigen selbst als auch des Menschen mit Demenz. Hierzu werden neben geeigneten Fragebögen auch ein qualitatives Interview verwendet. Außerdem werden die Belastung der pflegenden Angehörigen sowie die gesundheitsbezogene Lebensqualität von Patienten und Angehörigen erfasst.
Im Teilprojekt 2. erfolgt die eigentliche Intervention. Nach Entlassung bzw. im Rahmen der ambulanten Betreuung für Studienteilnehmende aus dem ersten Teilprojekt wird das Sicherheitsgefühl im Umgang mit aggressiven Verhaltensweisen der pflegenden Angehörigen erfasst. Danach erfolgt ein Angebot zur Teilnahme an einer Deeskalationsschulung bestehend aus fünf bis sechs jeweils einstündigen Schulungseinheiten im wöchentlichen Rhythmus und Prävention. Daneben finden vier Termine als Gruppensitzungen im Klinikum Nürnberg sowie zwei Termine als Einzelsitzungen in der häuslichen Umgebung statt. Die Schulung erfolgt auf Grundlage des Deeskalationsprogrammes OUTCOME Deeskalation und Prävention, das von Sven Keitel und Claus Staudter entwickelt wurde. Im Rahmen dieses Programmes wurden die Studienleiter*innen in einer eigenen Schulung trainiert. Ziel ist es, konkretes Fachwissen und Handlungskompetenz im Umgang mit schwierigen Verhaltensweisen zu vermitteln sowie die Teilnehmer*innen zu befähigen, in eskalierenden Situationen deeskalierend und auch präventiv auf die Situation einzuwirken. Die Intervention erfolgt in drei Modulen, deren Inhalt den Teilnehmenden Handlungsalternativen vermittelt soll. Modul eins umfasst validierende Kommunikationsstrategien, z.B. empathisches Eingehen auf Gefühle und Erlebnisinhalte oder Konkretisierung von Ursachen und Beweggründen. Hierbei sollen sowohl milieu- als auch soziotherapeutische Aspekte erfasst und berücksichtigt werden, z.B. die Raumgestaltung in der jeweiligen Wohnumgebung des Menschen mit Demenz oder die biographiegeleitete Gestaltung des Alltags und der Umgebung. Modul zwei thematisiert bedarfsorientierte kommunikativ gestützte Eigenschutztechniken in Eskalationssituationen.
Modul drei hat schließlich den Umgang mit Eigenaggressionen zum Thema. Hierbei werden Sublimierungs-und Copingstrategien zum Umgang mit Herausforderungen und Problemen erlernt. Außerdem werden Strategien zur Emotions- und Gefühlsregulation vermittelt.
Im Rahmen von Teilprojekt 3. sind zwei weitere Befragungen vorgesehen. Der erste Zeitraum soll unmittelbar nach der Schulung stattfinden, der zweite drei Monate nach der Schulung. Hierbei soll die Intervention in Form der Deeskalationsschulung evaluiert werden. Zum einen soll die Veränderung der Häufigkeit und des Ausmaßes von Aggressions- und Gewaltereignissen erfasst werden, zum anderen die Veränderung des Sicherheitsgefühls im Umgang mit aggressiven Verhaltensweisen.
Wir erhoffen uns, durch die Studie das Thema Gewalt und Aggression bei Menschen mit Demenz zu enttabuisieren und ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie solche Verhaltensweisen entstehen und reduziert werden können. Die Intervention soll betroffenen Angehörigen die Möglichkeit geben, sich mit anderen auszutauschen, Entlastung zu finden sowie Strategien zu erlernen, damit herausforderndes und aggressives Verhalten auf beiden Seiten erst gar nicht entsteht oder durch deeskalierende Techniken von Seiten des Angehörigen wirksam reduziert werden kann sowie die die Versorgungs- und Lebensqualität aller im Versorgungsprozess Beteiligten verbessern.
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Interessenkonflikte liegen nicht vor.
Autor*innen
Luisa Erhard, Lea Bräuer, Thomas Hillemacher, Sven Keitel
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinik der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität, Klinikum Nürnberg
Korrespondenz / Verantwortliche Personen
Sven Keitel, Pflegedirektor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinik der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität am Klinikum Nürnberg
Prof. Dr. med. Thomas Hillemacher, ärztlicher Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinik der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität, Klinikum Nürnberg
Baumeistergasse 32/5/1
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