Kunst des Sprechens = Kunst des Heilens?

von Lisa Zwirchmayr

 

Wie schon Paul Watzlawick einst gesagt, kann in der multiprofessionellen Zusammenarbeit der Gesundheitsberufe festgehalten werden, dass stetige Kommunikation den Akteuren einiges abverlangt und nicht kommunizieren praktisch unmöglich ist. Übt man einen Beruf aus, der ohne Sprechen nicht möglich ist, dann kommt auch das gesagte Wort einer Profession gleich. Mit unserer Sprache beschreiben, beeinflussen und generieren wir unsere Umwelt und die der Patient*innen. Und da viele Köche bekanntlich gerne den Brei verderben, führen auch in der Zusammenarbeit von Pflege und Medizin nicht kommunizierte Erwartungen und unscharfe Zuständigkeitsbereiche zu Spannungen im Behandlungsteam.

 

Anstatt in Konfliktsituationen aufeinander zuzugehen und die andere Partei zum klärenden Gespräch einzuladen, um zu hinterfragen, was diese sich denn eigentlich im täglichen Umgang sowie der gemeinsamen Patientenversorgung erwarte, wird im Dienstzimmer getuschelt, wie man den nächsten „Revierkampf“ denn gestalten könne, vergisst hierbei aber, dass es selten zwei Berufsgruppen gibt, welche in ihrem täglichen Tun mehr voneinander abhängig sind als Pflege und Medizin.

Unausgesprochen möchte die Medizin aber genau das von der Pflege – Pflegepersonen, welche ihre Expertise einbringen, die Behandlungspfade mitgestalten und eine offene und diskussionsfreudige Haltung gegenüber allen Akteur*innen zeigen.

Und was möchte im Gegenzug die Pflege von der Medizin? Auf der Wunschliste stehen hierbei vor allem ein Annehmen und Ernstnehmen der Behandlungsvorschläge sowie der Anliegen der Pflege als auch das Befassen mit dem Patienten weit über das morgendliche Statuieren hinaus. Die einmalige Durchführung einer Sonographie und ein nachfolgendes „Nie wieder gesehen sein“ reicht hierbei nicht aus – die Patienten, um welche ich mich tagsüber nicht ausreichend kümmere, halten mich nächtens wach, lautet eine unausgesprochene Regel in der Versorgung – vielleicht verhält es sich mit den Pflegepersonen ebenso.

 

Fühlt sich die Pflege nicht gehört, endet dies oftmals in der Verwendung der Wortgruppierung „laut ärztlicher Anordnung“ – übersetzt bedeutet das Folgendes: die zuständige Pflegeperson ist mit dem eingeschlagenen Behandlungspfad des Mediziners nicht einverstanden. Und schnell fungiert die ärztliche Verordnungspraxis als Versteck vor pflegerischer Eigenverantwortung, vor dem konstruktiven Gespräch, vor einer gemeinsamen, qualitativ hochwertigen Patientenversorgung.

In Vergessenheit gerät hierbei die außerordentliche Ressource, die die Pflege für das Betreuungsteam darstellen kann. Schon allein aus dem Personalschlüssel lässt sich ablesen, dass eine Pflegeperson als erweitertes Sinnesorgan in der Betreuung fungieren kann – eine nahezu Eins-zu-Eins-Versorgung ermöglicht es, Augen und Ohren für die Medizin zu sein, wo diese sie bei (mindestens) acht Patient*innen unmöglich haben kann – und damit professionell den Behandlungsprozess mitzugestalten - effiziente Kommunikationskultur vorausgesetzt.

 

Das konstruktive Gespräch zu suchen, birgt einige Gefahren, muss ausreichend trainiert und noch besser überlegt sein. Möglichkeiten diese Skills zu erlangen, gibt es reichlich. Gemeinsame Simulationstrainings sowie Teambuilding-Maßnahmen können als zwei der zahlreichen Tools genannt werden. Schlussendlich kann man auch noch auf die (hoffentlich) vorhandene Kinderstube bauen – wenn man seinem Gegenüber mit Respekt begegnet wird man in den seltensten Fällen eine Kontroverse erleben. Wird Sprechen und Kommunikation zur Profession, liegt es immer noch in der Eigenverantwortung der einzelnen Akteur*innen, sich entsprechendes Wissen und Handlungskompetenz anzueignen.

 

Schlussendlich sollte jeder Beteiligte im Behandlungsprozess ein übergeordnetes Ziel haben – die beste Versorgung für Patient*innen garantieren zu können und dies abseits von verschiedenen Nuancierungen einzelner Berufsgruppen zu tun. Die Wiederherstellung der Gesundheit, der Lebensqualität oder einer Organfunktion, wie auch immer es verschiedenste Professionen unabhängig voneinander titulieren, dient doch immer einem Zweck – die Patient*innen in den Mittelpunkt des Diskurses zu stellen – abseits von Revierkämpfen, Eitelkeiten und gedachten Zuständigkeiten. Wie ein Team jenseits von Kompetenzen und Verantwortlichkeiten miteinander kommuniziert, sollte viel öfter Bestandteil der Betrachtung sein. Kommunikation ist und bleibt Eigenverantwortung und gegenseitige Wertschätzung in der Kunst des Sprechens kann man von jeder Person verlangen - unabhängig vom Ausbildungsstand oder der Tätigkeit.

Durchs Reden kommen bekanntlich die Leute zusammen – auch in der Patientenversorgung.

 

Weiterer Input:

pflege:tube: „gepflegt:lautdenken mit Lisa Zwirchmayr: Zwischen Propofol & falschen Erwartungen – Pflege & Medizin im Spannungsfeld“

Eine Antwort

  1. Besten Dank für das wichtige Thema Kommunikation im Gesundheitswesen. „Man kann nicht nicht kommunizieren“, sagte einst Paul Watzlawick treffend. Miteinander zu sprechen anstatt über einander ist grundsätzlich richtig. Im schweizerischen Gesundheitswesen hatte das Miteinander eine ganze Weile gut funktioniert. Meiner Meinung nach hängt einiges von der beruflichen Sozialisation (Medizin sowie Pflege) ab, ob die beiden Professionen gut zusammenarbeiten. Auch die System bedingte Struktur ist für mich ein wichtiges Thema (Stichwort Hierarchie). In der Schweiz hat das hierarchische Denken in den einzelnen Institutionen zu genommen, und die Kommunikation eher ab. Es ist echt bedauerlich. Aber glücklicherweise tritt die Pflege vermehrt öffentlich in Erscheinung und ist deutlich kommunikativer als in der Vergangenheit. Nicht nur innerhalb des Gesundheitssystem ist die Pflege vermehrt sichtbar, sondern auch ausserhalb. In diesem Sinne bin ich froh über den Austausch über die Grenzen hinweg. Ganz liebe Grüsse aus der Schweiz.

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Kunst des Sprechens = Kunst des Heilens?

Lisa Zwirchmayr, BSc MSc, ist Gesundheits- und Krankenpflegeperson im Bereich der Kinder- und Erwachsenenintensivpflege sowie Content-Creator für das pflegenetz. Sie beendete 2016 das Bachelorstudium Gesundheits- und Krankenpflege und ist seit 2020 Absolventin des Master-Studienganges Angewandte Gesundheitswissenschaften der IMC Fachhochschule Krems.

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