Sexualität im Alter: Warum so ein Tabu?

von Mag. Eva VAN RAHDEN

 

Die Weltgesundheitsorganisation definiert Sexuelle Gesundheit als einen wesentlichen Bereich für das Wohlbefinden eines Menschen als solches.
Warum findet diese Definition so wenig Niederschlag im Alltag in der Pflege?

„Sexuelle Gesundheit ist untrennbar mit Gesundheit insgesamt, mit Wohlbefinden und Lebensqualität verbunden. Sie ist ein Zustand des körperlichen, emotionalen, mentalen und sozialen Wohlbefindens in Bezug auf die Sexualität und nicht nur das Fehlen von Krankheit, Funktionsstörungen oder Gebrechen. Sexuelle Gesundheit setzt eine positive und respektvolle Haltung zu Sexualität und sexuellen Beziehungen voraus sowie die Möglichkeit, angenehme und sichere sexuelle Erfahrungen zu machen, und zwar frei von Zwang, Diskriminierung und Gewalt. Sexuelle Gesundheit lässt sich nur erlangen und erhalten, wenn die sexuellen Rechte aller Menschen geachtet, geschützt und erfüllt werden.“ (WHO 2016)

Den meisten in der Pflege Tätigen ist diese Definition sicher schon einmal begegnet, aber wird sie auch gelebt? Der Umgang mit der Nähe und Intimität in der Pflege wird allzu oft von einer Sprachlosigkeit begleitet. Scham und ein Gefühl von Unwohlsein, auf beiden Seiten, führen zu dieser Sprachlosigkeit: Als Professionalist*in weiß ich immer wie ich mich zu verhalten und was ich zu tun habe, da haben Gefühle von Unsicherheit wenig Platz. Der Spagat zwischen Theorie und Praxis wird hier oft zu einem Dilemma. Empathie und Abgrenzung stellen immer wieder in der Arbeit eine Herausforderung dar. Den Bogen zu spannen von der Fürsorgepflicht des Arbeitsgebers zu der Würde und Autonomie der Kund*innen, zu der eben auch der Bereich der Sexualität gehört, stellt alle Beteiligten immer wieder vor Fragen. Unsicherheiten hier zuzulassen und anzusprechen bildet in meinen Augen eine gute Möglichkeit, Achtsamkeit zu leben. Nur so kann den Gefühlen von Scham, Würdeverlust und Sehnsüchten der notwendige Raum gegeben werden. Wird der Bereich der Sexualität ausgespart, nicht angesprochen, kann dies zu negativen Folgen führen. Denn diese Sprachlosigkeit führt im Alltag häufig dazu, dass Mitarbeiter*innen an der Basis glauben, sie sind die Einzigen die solche Situationen erleben. Sie fühlen sich alleingelassen, nicht immer werden ihre Erlebnisse ernstgenommen, teilweise kann es sogar zu einer Form der Täter*innen – Opfer Umkehr kommen. Wird Sexualität erst zum Thema, wenn es um sexuelle Übergriffe geht, ist es eigentlich zu spät. Denn so gelingt es kaum, Sexualität als menschliches Potenzial, als Lebensenergie in den Blick zu bekommen. Dies kann nur gelingen, wenn wir auch im institutionellen Rahmen den betreuten Personen diesen Teil des Lebens nicht vorenthalten. Werden die sexuellen Bedürfnisse der Kund*innen negiert, fällt es schwer einen sachlichen Umgang damit zu finden. Wie kann damit umgegangen werden, wieviel Intimsphäre lassen die Rahmenbedingungen zu? In Betreuten Einrichtungen aber auch in der Mobilen Pflege? Die Erzählungen aus der Praxis sind sehr unterschiedlich, aber die wenigsten haben noch nie ein Erlebnis gehabt, bei dem sich ein sexuelles Begehren ausdrückte. Hier einen wertschätzenden und achtsamen Umgang zu finden, der es mir auch erlaubt Grenzen zu setzen, sollte das Ziel sein. Ich bin fest davon überzeugt, dass es hierfür keinen Gesprächsleitfaden geben kann, der für alle gelten kann, ich denke der erste Schritt ist immer die eigenen Unsicherheit dem Thema gegenüber anzusprechen.

Für würdevolle und achtsame Pflege darf das Thema der Sexualität kein Tabu mehr sein. Daher ist es wichtig bereits in den Ausbildungen diesen Bereich mit zu behandeln. Die Sensibilisierung für die Alterssexualität ist relevant. Grenzüberschreitungen ins Bewusstsein zu rufen, vorbereitet sein auf Situationen, in denen ich den*die Kund*in sexuell aktiv erlebe (Dusche, Pornos ect.). Aber auch das Wissen darüber, dass es die Möglichkeit gibt in Österreich eine Sexualbegleitung/Sexualassistenz buchen zu können. All das könnte zu einem entspannteren Umgang mit dem Thema führen.

Viel Unsicherheit steht in der Praxis einem offenen Umgang mit dem Thema Sexualität im Weg. Ängste, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten, Vorurteile insgesamt dem Bereich der sexuellen Dienstleistungen gegenüber, erweisen sich als hinderlich. Doch immer mehr Einrichtungen und auch Einzelpersonen aus dem Bereich der Pflege stehen dem Thema offener gegenüber. Dem Thema wird vermehrt auch in Konferenzen und Tagungen Raum gegeben.

Diversität und ein sensibler Umgang mit Sexualität werden zunehmend gesellschaftlich wahrgenommen und somit besprechbar. Sexualität wird als ein essentieller Bestandteil unseres Lebens begriffen. Für manche Personen ist das Aus- und Erleben ihrer Sexualität ohne die Unterstützung von anderen Menschen nicht möglich. Hier setzt das Angebot der Sexualbegleitung/Sexualassistenz an. Um dieses zu ermöglichen, braucht es die Achtsamkeit im Bereich der Pflege. Für die Zukunft wäre es wünschenswert, wenn das Thema nicht erst dann in den Blick kommt, wenn es zu problematischen Situationen kommt. Sexualität ist ein Teil von uns Menschen, sonst gäbe es uns schon eine Weile nicht mehr. Die Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Berührung sind nicht an das Alter gebunden. Noch fehlt ein Bewusstsein für die Sinnlichkeit im Alter - war die Sexualität im Alter bisher kein Thema, sollte sie zu einem Thema werden.

Passend zum Thema Sexualität im Alter hat Lisa Zwirchmayr eine Folge gepflegt:lautdenken aufgenommen. Unter dem Titel "Die schönste letzte Nebensache der Welt - Sexualbegleitung in der Altenpflege" spricht sie mit Eva Van Rahden, Ursula Wilms-Hoffmann und Tatjana Jovanov.

Hier geht's zum Video und hier zum Podcast.

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Sexualität im Alter: Warum so ein Tabu?

Mag.a Eva VAN RAHDEN,

Seit 2003 Mitarbeiterin der Volkshilfe Wien, Leiterin von  SOPHIE Beratungszentrum für Sexarbeiterinnen. Lehrgangsleitung „Sexualbegleitung/Sexualassistenz“ (Nominierung für die SozialMarie 2020). Sie studierte Kommunikations- und Theaterwissenschaft in München und war viele Jahre im Kulturbereich tätig. Sie war Teilnehmerin des 1. Lehrgangs zur Akademischen Referent*in für feministische Bildung und Politik. 2009 schloss sie ihre Ausbildung zur Akademischen CSR-Manager*in ab.

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